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SZ vom 11.04.1998 
 
 
 

Klon der Angst 

 

Der Segen der Gen-Technik – ein Gespräch mit dem Wissenschaftler Gregory Stock  

Die Offenheit, mit der amerikanische Wissenschaflter über das Klonen und die Gentechnik am Menschen diskutieren, ist für europäische Ohren schockierend. Die Auferstehung der Spezies aus der Neugestaltung des eigenen Erbguts, der Mensch als Autor seiner eigenen Software – das sind die Themen von Gregory Stock, dem Direktor des Programms „Science, Technology and Society“ an der Universität von Kalifornien, Los Angeles (UCLA). In seinem Buch Metaman untersucht er die Verschmelzung von Mensch und Technik, sein Bestseller Book of Questions analysiert die Zukunft menschlicher Wertesysteme. Mit Gregory Stock sprach Tobias Kniebe.  

SZ: Wir übernehmen Kontrolle über die eigene Evolution – das bedeutet in Ihrer Sicht den entscheidenden Moment in unserer Geschichte: Wann rechnen Sie damit, daß der erste menschliche Klon geboren wird? 

Gregory Stock: Innerhalb der nächsten zehn Jahre. Aber das Klonen wird keine besonderen Folgen haben. Es steht im Augenblick im Mittelpunkt, weil es die schockartige Erkenntnis bringt, daß sich wirklich alles ändern wird - sogar unsere Biologie und Fortpflanzung. Aber es passieren viel mehr Dinge, die in der Geschichte des Lebens bisher ohne Beispiel sind. Die wirkliche Herausforderung wird nicht sein, daß wir eine Art verspäteten Zwilling klonen – sie beginnt mit der genetischen Neugestaltung unserer eigenen Erbinformation. Im Augenblick schaffen wir die Grundlagen, die künftige Generationen als konstitutiv begreifen werden – und für mich ist es ein großes Privileg, dabei mitzuwirken. 

Welche Grundlagen meinen Sie? 

Das eine ist die Eroberung des Weltraums: das Leben verläßt die dünne Haut der Erde, an die es dreieinhalb Millionen Jahre gebunden war. Das zweite ist die künstliche Intelligenz: Computer und andere Technologien werden einen Grad der Komplexität erreichen, der Lebewesen allmählich Konkurrenz machen kann. Das dritte ist die Gentechnologie: Wir fangen an, die Baupläne der Schöpfung zu ändern, auch unsere eigenen. Wir werden zum Objekt unseres eigenen, bewußten Gestaltungswillens. 

Eine Vorstellung, die besonders im Fall der Gentechnologie große Furcht auslöst. 

Ja, wir dringen in einen Bereich ein, der bisher außerhalb unseres Zugriffs lag – und wir wissen nicht, ob wir mit dieser Macht verantwortungsvoll umgehen werden. Man kann verstehen, daß viele Menschen am liebsten leugnen würden, welche Möglichkeiten wir haben, oder zumindest verhindern wollen, daß wir sie einsetzten. Die Wahrheit aber ist, daß die Macht schon in unseren Händen liegt, und daß sie uns auch Vorteile bringen könnte. Zum Beispiel im Bereich der Medizin. 

Wenn das Klonen nicht entscheidend sein wird – was dann? 

Folgendes ist vorstellbar: Wenn wir unsere Erbmasse wirklich erforscht haben, werden wir anfangen, die freien Plätze eines neuen Chromosoms mit künstlichen Genen oder Gen-Gruppen anzureichern. Verschiedene Verfeinerungen und therapeutische Aufrüstungen sind denkbar: zum Beispiel ein Gen-Cluster, das Krebs verhindern kann; ein anderes, das den Alterungsprozeß verlangsamt und die menschliche Lebenserwartung erhöht, oder die Verstärkung des Immunsystems. Man kann das in gewisser Weise mit Computer-Software vergleichen: Einige Module werden verbessert, bis dann die Verbesserungen zu einer völlig neuen Software-Generation zusammengefaßt werden. 

Sehr viele Leute würden diese Entwicklungen gern verbieten. 

Das halte ich für die falsche Reaktion. Es gibt längst Gesetze, die unverantwortliche Experimente mit Menschen verhindern – dafür brauchen wir keine neuen Verbote. Wenn jemand ankündigen würde, er wolle das Hirn eines Schimpansen in einen Menschen verpflanzen, würden wir ihn für verrückt erklären und wahrscheinlich verhaften, sobald er damit anfinge. Wir würden aber nicht fordern, daß man Transplantationen generell unter Strafe stellt. 

Wir könnten aber doch, in größeren Zeiträumen gedacht, mit Genexperimenten versehentlich das Ende unserer Spezies herbeiführen. 

Für mich ist das schwer vorstellbar. Um einen Effekt auf den ganzen menschlichen Gen-Pool zu haben, müßten sehr erfolgreiche Veränderungen über lange Zeit durchgeführt werden. Es gibt verdammt viele Menschen auf diesem Planeten! Was die Wirkung in Tausenden von Jahren betrifft, tappen wir natürlich im Dunkeln. Ich glaube allerdings nicht, daß die größten Herausforderungen in der Gentechnik liegen werden – eher in der Umweltzerstörung, der Überbevölkerung und anderen technologischen Effekten. Die Gefahr liegt auch in der Langsamkeit, mit der wir Verantwortung übernehmen. Der beschleunigte Fortschritt verlangt die verantwortungsvolle Handhabung der neuen Kräfte – nicht ihr Verbot. 

Wenn man die Analogie zur Software weiterverfolgt: Können Sie sich eine Zukunft vorstellen, in der man für seine Kinder entscheiden muß, welche kommerziellen „Upgrades“ man kauft, um sie für die Zukunft fit zu machen? 

Ich glaube, daß da sehr schwierige Fragen auf uns zukommen werden. Die Antwort wird wohl eine Kombination aus individuellen Entscheidungen und Begrenzungen sein, die von der Gesellschaft festgelegt werden. Manches könnte ganz einfach werden: Wer würde ernsthaft die Möglichkeit ablehnen, Krebs zu verhindern? Anderes ist sicher schwieriger. Aber schon heute greift die Gesellschaft in die Entscheidungsfreiheit der Eltern ein, wenn sie sich in der Erziehung ihrer Kinder zu weit von unseren normativen Werten entfernen. Daran wird sich wohl nichts ändern. 

Reden wir über Kompatibilität: Wird sich jeder einzelne für ein bestimmtes System entscheiden müssen? Könnte es vielleicht einen Bill Gates der Genetik geben, der Standards setzen will und den Markt zu beherrschen versucht? 

Gute Frage. Wenn jemand zum Beispiel ein zusätzliches Chromosom hat, kann er mit einem natürlichen Menschen noch Nachkommen zeugen? Ich glaube, dieses Problem wird nur kurz von Bedeutung sein. Wenn sich die Technik auf breiter Basis durchsetzt, wird sie sehr schnell universell werden. Man wird es dann als zunehmend unverantwortlich ansehen, ein Kind ohne genetischen Eingriff zur Welt zu bringen. Die traditionelle Fortpflanzung wird allmählich verschwinden. Nehmen wir einmal an, wir könnten ein Kind wirklich permanent gegen Krebs schützen, oder sein Leben entscheidend verlängern. Wenn ich als Kind dann feststellen müßte, daß meine Eltern oder meine Regierung mir das aus philosophischen Gründen verweigert hätten – dann wäre ich ziemlich wütend. 

Könnte es nicht auch eine finanzielle Frage sein – daß nur reiche Menschen oder Nationen sich das leisten können? 

Anfangs ja. Oft wird suggeriert, daß die Gentechnik den Abgrund zwischen Arm und Reich vertiefen werde – weil nur die Reichen ihre Erbmasse verbessern können. Aber die meisten neuen Technologien entwickeln sich schnell. Nehmen wir das Fernsehen: Der teuerste Fernseher der Welt, den sich ein Milliardär in den sechziger Jahren kaufen konnte, ist nicht annähernd so gut wie der billigste heute. Für die frühen Nutzer ist es also sehr teuer, weil sie die Forschung und Entwicklung bezahlen müssen. Danach wird es billiger. Ich sehe den Graben nicht zwischen Arm und Reich, sondern zwischen einer Generation und der nächsten. 

Der Unterschied ist, daß man sich jedes Jahr einen neuen Fernseher kaufen kann, mit seinen Genen aber ein Leben lang auskommen muß. Wenn es ein Upgrade der Intelligenz zu kaufen gäbe, das eine Generation besteht – wäre das nicht schon genug, um die Welt für immer zu spalten? 

Ich glaube nicht. Rechnen wir doch mal nach: Es braucht genau eine Generation, bis die smartesten Kids in die Gesellschaft eingreifen können. Dann sind sie zwanzig. In der Zwischenzeit hat die nachfolgende Generation schon wieder andere Gene mit auf den Weg bekommen, die noch besser und billiger sind. Außerdem sollten wir die Gentechnik nicht als isolierten Faktor betrachten – der Fortschritt überrollt uns an allen Fronten. Auch wenn der Eingriff in die menschliche Erbmasse gestoppt werden könnte, wird die Welt schon in ein paar Generationen sehr viel seltsamer sein, als die meisten Menschen sich das heute vorstellen können.  
 
 

 
 
 
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